DejaVu: IMPORT/EXPORT went West

20.07.2011 in Dates People

DÉJÁ VU = Party im Kreisverkehr: Zwei Wochen lang wurde die Verkehrsinsel auf der Linzer Muldenstraße zum Kulturzentrum. Auf Einladung von Peter Fattinger – Architekt, Gestalter des IMPORT/EXPORT-Containers und Projektleiter DÉJÁ VU – war das IMPORT/EXPORT-Team einen Tag lang gastkuratorisch dabei. Klar, dass sich das auch im Speiseplan niederschlug.

Mitgebracht haben wir den Linzern eine Patografie im Großformat: Ach, Linz, heisst es da, ach Linz, ohne uns Fremde, Migranten, Zugewanderte … Und was die Linzer davon halten? Bittäschön:

Interviews zum neuen Plakat von Patricio Handl from BlinklichtMediaLabs on Vimeo.

IMPORT/EXPORT erklärte den Verkehrsknotenpunkt auf der Muldenstraße jedenfalls für diesen Tag zum Zentrum der Welt und befragte deshalb auch die Experten dieser Welt – Bewohner der beiden angrenzenden Stadtviertel Bindermichel und Spallerhof. Historische Expertise steuerte eine Frau bei, die mit ihrer Tochter und ihren Enkeln einmal schauen wollte, was DeJaVu kann: Bindermichel und Spallerhof, erklärte sie, das geht gar nicht: “Meine Tochter wohnt in Spallerhof, meine Söhne in Bindermichel. Die würden nie da rüber geben.” Warum das so sein könnte, erläuterten andere Passanten im Lauf des Tages: Die einen vertrauen den anderen nicht, das sei schon immer so gewesen. Zum Glück lasse sich die Jugend davon aber nicht mehr beeindrucken:

Kinderträume @ Deja Vu Linz from BlinklichtMediaLabs on Vimeo.

Später haben wir dann noch Philipp und Gerald kennengelernt, der eine 14 und gerade mit der Hauptschule fertig, der andere 15 und Schüler der HTL-Maschinenbau. Sie haben IMPORT/EXPORT-Glückskekse gegessen, sich über die Sprüche gewundert (“Die Brüder stammen aus einer türkischen Adelsfamilie, aber kamen als Schlosser”) und ein bissl geredet. Wenn Ausländer zu uns kommen, sagten sie, verändert sich viel. Manche seien asozial, andere aggressiv, wieder andere eh normal. Im Übrigen sei ihnen egal, ob einer aus Bindermichel oder Spallerhof kommt.

Weil die Welt ohne Musik nicht zu denken ist, haben wir zum Schluß noch ein kleines Konzert anberaumt: Mojca Kosi, die aus Slowenien nach Oberösterreich kam, hat ihr Keyboard in den Kreisverkehr geschleppt und mit ihrer Super-Stimme aus einem guten Tag in einen schönen Abend gemacht.

Bei dieser Gelegenheit hat die 30jährige Musikerin auch noch ein Interview gegeben, aus dem folgender Text für die DIE ZEIT entstanden ist:

“Ich bin sehr sensibel. Meine Sinne sind allesamt besonders wach. Dass mein Gehör so gut funktioniert, ist in meinem Beruf naheliegend. Ich erkenne aber auch jeden Geruch, bevor andere ihn überhaupt wahrnehmen. Ich bin sehr lichtempfindlich. Und ich spüre sofort, wenn jemand nicht die Wahrheit sagt. Als Musikerin bin ich in einer Männergesellschaft unterwegs und oft die einzige Frau weit und breit. Auch das schärft die Sinne. Ich lebe allein und kann mir nicht vorstellen, dass ein Mann meinen anstrengenden Rhythmus akzeptieren würde. In den vergangenen zehn Tagen hatte ich nur einen Tag frei, ich war immer auf irgendeiner Bühne.
In diesem Sommer konzentriere ich mich stärker auf mein eigenes Ding. Easy Listening, eine Mischung aus Jazz und Pop, Diana Krall, das ist meine Welt, das ist die Musik, die ich liebe. Eine Musik, die die Seele berührt und die Menschen bewegt. Mit dem Komponisten und Arrangeur Hermann Miesbauer arbeite ich gerade an meiner ersten CD, Lady Love Diary. Es gibt ein Streichquartett, einen Kontrabass und ich bin Stimme und Klavier. Und eben die Chefin von fünf Männern. Diese Rolle ist mir auf den Leib geschneidert.
Zur Musik kam ich mit zehn. Ich lernte Klavier, spielte Klassik und wusste bald, dass Musik mein Leben ist. Das Studium in Ljubljana war dann allerdings furchtbar, musikalische Qualität zählte dort nicht. Bis dahin war ich immer die brave, erfolgreiche Schülerin. Aber das war nicht auszuhalten. Von einem Tag auf den anderen schmiss ich alles hin, fuhr nachhause und eröffnete meinen Eltern, dass ich Jazz lernen werde. Sie hatten kein Geld, um mich zu unterstützen. Und konnten sich auch nichts darunter vorstellen. Ich blieb zuhause, übte neun Monate lang wie wahnsinnig, jeden Tag mindestes sechs Stunden. Ich hatte ein Ziel vor Augen: ich wollte unbedingt an die Bruckner-Universität nach Linz und dort Jazzklavier studieren.
Die Voraussetzungen waren schlecht, aber mein Wille war stark. Entgegen aller Prophezeiungen schaffte ich die Aufnahmsprüfung. Ich musste dann meine Freunde, meine Familie, überhaupt alles hinter mir lassen, um neu anfangen zu können. Deutsch lernte ich übers Fernsehen und beim Lesen. Es gab Wochen, da hatte ich zehn Euro zum Leben. Manchmal wusste ich nicht, wie es weitergehen wird. Inzwischen habe ich das Jazz-Studium mit dem Bachelor und dem Master abgeschlossen und dazu noch Klassisches Klavier studiert. Ich unterrichte an der Musikschule Linz. Das hilft nicht nur finanziell, sondern ist eine gute Basis für die musikalische Weiterentwicklung. Ich kann mir dadurch auch besser aussuchen, welche Auftritte zu mir passen. Nach neun Jahren kann ich nun sagen, dass ich gut angekommen bin. Ich bin in Linz zuhause. Ich habe mich durchgesetzt. Leider bin ich dabei einsam geblieben.”
Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer

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