Meeting People: Jeder Mensch hat eine Geschichte
19.06.2010 in Container People
Nadja Castro Garcia weiß, was sie will: kein Ticket für die Donaurundfahrt, nein, sondern eine Wegbeschreibung. Hier irgendwo, sagt die Radfahrerin vor dem IMPORT/EXPORT-Container unter der Reichsbrücke, gibt es eine Bar, die steirische Hausmannskost anbietet. Aber wo genau, bitte?
Der Frau kann geholfen werden. Weil der Container nicht nur Satellitenfernsehen für die in Fußball-Zeiten einschlägig Bedürftigen, sondern auch Wireless LAN für die vorbeiströmenden Massen anbietet, bekommt die Radfahrerin nach kurzer Recherche den gewünschten Hinweis. Zur Virus Bar – so heisst der Laden wirklich – auf der Copa Cagrana (“3 Liter Sangria im Kübel 30 Euro”) gehört auch ein Steirerstüberl. Und dort werden die gesuchten steirischen Spezialitäten angeboten.
Schön, dass uns Nadja Castro Garcia im Gegenzug für diese kleine Handreichung ihre Geschichte erzählt: Als gebürtige Tschechin kam sie durch Heirat mit einem Österreicher noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Wien. Die Stadt kannte sie bis dahin nur aus Erzählungen ihres Großvaters, der zwischen den beiden Weltkriegen mehrere Sommer als Erntehelfer in Österreich verbracht hat. Die 120 Kilometer von seinem tschechischen Heimatdorf bis Wien hat er dabei immer zu Fuß zurückgelegt. Inzwischen ist Nadja von ihrem österreichischen Mann geschieden und mit dem aus Argentinien stammenden Senor Castro Garcia verheiratet. Mit ihm unterhält sich die Tschechin in ihrer Lieblingssprache Spanisch.
Aus dem Nichts taucht plötzlich eine 30köpfige Reisegruppe aus China unter der Reichsbrücke auf. Ein paar Schritte hierhin, ein paar Blicke dorthin, schon ist die ideale Fotoposition gefunden. Das Ritual beginnt: Jeder einzelne stellt sich so ans Ufer der Donau, dass im Hintergrund der weiße Hochhausturm von Harry Seidler in den blauen Himmel ragt. Knips, ich war hier.
Was aber, so fragten wir, treibt diese Menschen an genau diesen Ort? Ganz einfach, erklärt ein Besucher: Dies hier sei die Grenze zwischen West und Osteuropa. Auf ihrer Reise von Paris über Rom, Venedig und Klagenfurt ist Wien daher eine wichtige Station. Genau zehn Minuten hält ihr Bus hier an der Donau. Morgen geht es weiter nach Prag und übermorgen wieder heim nach Bejing.
Zohar Rusou und ihr Mann warten beim IMPORT/EXPORT-Container auf die Ankunft des Hundertwasser-Schiffes MS Vindobona. Frau Rusou hat die falschen Schuhe eingepackt, ist also derzeit nicht gut zu Fuß – was liegt da näher als der Transport auf der Donau? Die in Israel lebende Psychologin arbeitet gerade an ihrer Dissertation, in der sie analytischen und intuitiven Entscheidungsprozessen auf den Grund geht. Dass nur wenige israelische Staatsbrüger den Weg nach Österreich finden, führt sie auf eine Werbelücke zurück: Österreichs Tourismusindustrie müsste diese Schönheiten in ihrer Heimat besser vermarkten, glaubt Frau Rusou.
Edward Molloy und seine Frau kommen aus Irland. Vier Tage lang sind sie in Wien, um ihre Nichte zu besuchen. Die junge Dame lebt sie vier Jahren schon hier, in einem Haus in den Weinbergen vor den Toren der Stadt. Warum? Weil ihr Mann hier Arbeit gefunden hat, eine Fixanstellung als Golflehrer.











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